Irgendwann vielleicht: Über Kindheitsträume und die Notwendigkeit von Vorbildern

Titelbild: Kleines Kind mit Gitarre, daneben Kind als Erwachsene mit Gitarre

Es war ein lauer Herbsttag als ich mein Buch von meiner Lieblingsbuchhandlung in Hamburg abholte. Ich hatte es einen Tag zuvor bestellt und war gleichzeitig ernüchtert wie wenig überrascht, dass sie Patti Smiths „M Train“ nicht auf Vorrat da hatten. Es war der typische schwarze Einband mit einem kleineren Foto der Autorin auf dem Cover und ich wollte es allein deshalb schon lesen. Auch, wenn man natürlich kein Buch nach dem Cover beurteilen soll, ertappte ich mich wieder einmal genau dabei.

Inzwischen sitze ich im verregneten Köln in meinem Wohnzimmer, lese die letzten Seiten und habe ein neues Buch bestellt, das morgen ankommen soll. Was haben die Menschen nur vor der Lieferung innerhalb eines Tages gemacht? Vermutlich hatten sie geregeltere Arbeitszeiten. Jedenfalls bestellte ich mir Kim Gordons „Girl In A Band“. Wieder Memoiren. Wieder eine Musikerin. Wieder eine Frau, die etwas machte, das gesellschaftlich nicht für sie vorgesehen war.

Heutzutage habe ich mehr Möglichkeiten als je eine Frau vor mir, das ist mir bewusst. Gleichzeitig schaffen es so wenige, dass als Folge eine Art Konkurrenzdenken innerhalb dieser Gruppe eintritt. Ganz in der Art: „Es kann nur eine geben“. Traurig, aber wahr ist, dass das für mich gedanklich schon eine Verbesserung wäre im Vergleich zu dem, was ich als Kind dachte.

Als ich klein war, wollte ich Musikerin werden, ich sah mich auf einer Bühne, vor Leuten die meine Musik berührte. Was mich zögern ließ? Ich dachte tatsächlich, dass nur Männer erfolgreiche Musiker werden könnten. Heute weiß ich, dass auch Frauen erfolgreiche Musikerinnen werden können. Inzwischen ist mehr als eine Musikerin erfolgreich, und zwar in vielen Genres und das ist allemal besser als keine. Immerhin sind auch über zehn Jahre vergangen, seit meinem ernüchtertem Kindheits-Ich, da erwarte ich auch nichts anderes. Aber es war eben nicht heute, sondern eine Zeit, in der, egal wo man als Kind hinsah, Boybands vorfand. Schaute man in andere Musikrichtungen abseits von Pop, wurde es noch schwieriger mit der Diversität - wenn man es überhaupt so nennen kann.

Mittlerweile hat sich zwar vieles gebessert, aber es ist noch immer so, dass wir, wenn wir uns die verschiedenen Branchen ansehen, weniger Frauen als Männer vorfinden und noch weniger People of Color als Weiße und Menschen abseits der Norm. Ob im Comedybereich, beim Schreiben, Malen, Schauspiel, Podcasts - Studien belegen all das als traurige Wahrheit.

Diese Ungleichverteilung hat weitreichende Konsequenzen. Eine davon ist das Fehlen von Vorbildern. Und der Punkt ist doch, dass Vorbilder zu haben ein unglaublich wichtiger Teil des Älterwerdens ist. Nicht nur als Kind, denn auch, wenn wir das manchmal zu vergessen scheinen, Älterwerden ist ein lebenslanger Prozess, der nicht nach der Ausbildung aufhört.

Um diejenigen Stimmen zu hören, denen oft weniger Raum gegeben wird, lese ich inzwischen bewusst größtenteils Bücher, die von Frauen und nicht-binären Menschen geschrieben wurden. Ich möchte ihre Geschichte lesen. Ich möchte ihnen den Raum geben, den sie verdienen. Ich möchte meine Geschichte, meine Realität in Büchern wiederfinden könnten.

Als Kind dachte ich, ich könne etwas nicht und verwechselte dabei können mit sollen. Patti Smith, Kim Gordon, ich habe inzwischen ein Notizbuch, in dem ich Namen von Personen sammele, die es geschafft haben groß zu träumen und ihre Träume zu verwirklichen, obwohl die Gesellschaft diese Rolle nicht für sie vorsah. Patti Smith ist unter anderem Musikerin und Autorin und hatte einen großen Einfluss auf die Musikbewegung. Coco Chanel eröffnete ihren ersten Hutladen mit 27 Jahren, der Tag der Eröffnung gilt als das Gründungsdatum des Modeimperiums „Chanel“. Vera Wang begann im Alter von 40 Jahren beruflich Brautkleider zu entwerfen und wurde zu der Designerin, die heute weltweit bekannt ist. Alison Sudol wurde nach ihrem Schulabschluss unter dem Namen „A Fine Frenzy“ Musikerin. Später wendete sie sich dem Schauspiel zu. Hier ist sie vielen auch wegen ihrer Rolle als Queenie im Harry Potter Prequel „Fantastische Tierwesen“ bekannt. Künftig möchte sie Bücher schreiben und wer weiß was danach kommt? Vielleicht kann ich den Namen Kim Gordon als Nächstes in meinem Notizbuch festhalten. Eine Musikerin, die unter anderem im Alter von 28 Jahren die einflussreiche Band „Sonic Youth“ mitbegründete, obwohl sie, bis sie 27 war, nie ein Instrument gespielt hat.

Vielleicht ist es irgendwann normal groß zu träumen. Vielleicht gibt es irgendwann Vorbilder abseits der Norm. Vielleicht gibt es diese Norm irgendwann nicht mehr. Ich schreibe „vielleicht“ und meine damit hoffentlich, ich schreibe „irgendwann“ und meine bald. Ich weiß, dass dafür noch viel passieren muss, dennoch hoffe ich, dass irgendwann, vielleicht aus diesem „irgendwann“ und „vielleicht“ ein jetzt wird.

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