Das Leben in den 20ern: Über Unsicherheiten, Ängste und den Leistungsdruck, der alles umgibt

Und du wirst 21, 22, 23

Du kannst noch gar nicht wissen, was du willst

Und du wirst 24, 25, 26

Und du tanzt nicht mehr wie früher.

- „21, 22, 23“ von AnnenMayKantereit

Ich habe in den letzten Jahren nicht nur einmal von Menschen Anfang ihrer 20er Jahre gehört, dass sie sich in einer Quarterlife Crisis befinden oder diese schon durchlebt haben. Eine Quarterlife Crisis ist so ähnlich wie eine Midlife Crisis, aber irgendwie auch anders. Es geht darum, dass wichtige Schritte im Leben wie die schulische Ausbildung oder auch die anschließende (nahezu) abgeschlossen sind und um den Prozess des Erwachsenwerdens. Es geht um das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, darum, wer man ist und wer man sein will, um bedeutende, das Leben betreffende Entscheidungen und die Ungewissheit der Zukunft. Kurz gesagt: Es geht vor allem um Ängste.

Auf mich selbst trafen Anfang des Jahres mindestens die Hälfte dieser Punkte zu, wenn nicht sogar alle. Da war zum einen das Gefühl nicht genug zu sein. Haben andere in meinem Alter nicht schon viel mehr erreicht? Und hatte ich nicht einmal Träume? Wie sehr arbeite ich wirklich daran zu werden wer ich sein will und wie sehr halte ich andererseits an etwas fest, das ich gar nicht mehr bin? Was bringt die Zukunft mit sich? Auf dieser Grundlage fällt es schwer Entscheidungen zu treffen, die sich gut durchdacht und richtig anfühlen.

Sich diese Gedanken auch noch inmitten einer Klimakatastrophe und seit Monaten anhaltenden Pandemie zu machen, vereinfacht all das nicht. Im 5. Teil von Harry Potter sagt Ron zu Hermine: „So viel kann doch kein Mensch fühlen“. Können schon, aber sollten? Es kann nicht gesund sein, sich so viele Gedanken zu machen. Andererseits: Was ist die Alternative? Hinzu kommt, dass oft übersehen wird - vielleicht nicht einmal wissentlich -, dass wir nicht nur die „normalen“ Entscheidungen über unsere Zukunft treffen müssen. Nein, wir müssen das auch noch in dem Wissen machen, dass Regierungen der ganzen Welt es nicht auf die Reihe kriegen unsere Zukunft zu sichern und die Welt stattdessen zerstören, Menschen, Land und Tiere ausbeuten, den Kapitalismus feiern und all das während einer Pandemie, die wahrscheinlich nicht einmal die Letzte gewesen sein wird. In der psychische Krankheiten noch weiter zunehmen als so schon, aber immer noch nicht ernst genommen werden.

So kam es also dazu, dass ich kurz vor meinem 24. Geburtstag anfing zu verstehen was diese Quarterlife Crisis ist, von der alle reden. Ich hinterfragte jede wichtige Entscheidung, die ich entweder schon getroffen hatte oder noch zu treffen vorhatte. Heraus kam dabei wenig als weitere Unsicherheiten. Und ich dachte an das Lied von AnnenMayKantereit. Dachte „Alles gut, ich bin 23, ich kann noch gar nicht wissen, was ich will“. Und ich dachte kurz darauf „Jetzt bin ich 24 und ich merke, dass ich Angst habe, nicht mehr wie früher zu tanzen“.

In einem Video zu dem Thema, meinte eine US-amerikanische YouTuberin, sie habe lieber jedes Jahr eine Quarterlife Crisis als irgendwann zu bemerken, dass sie sich nie wirklich Gedanken gemacht hat was sie möchte. An diesen Satz denke ich oft. Zwar löst er das Problem nicht, aber er hilft und ich nehme, was ich kriegen kann.

Ich habe noch keine abschließende Lösung gefunden, das wäre ja auch zu schön. Was ich aber weiß ist, dass sich viele in meinem Alter ähnliche Gedanken machen und, dass ich nicht allein bin. Und, dass es ok ist, sich Gedanken über das eigene Leben zu machen. Schließlich machen wir uns zu so vielen Themen Gedanken, dann sollten wir uns auch ein, zwei Momente nehmen dürfen, um kurz durchzuatmen und zu checken, was wir da gerade eigentlich mit unserem eigenen Leben machen.

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