Wir sollten viel wütender sein. Und zwar schon lange.

Titelbild: Wir sollten viel wütender sein. Und zwar schon lange.

Manchmal würde ich gerne einige Gespräche erneut führen. Kennt ihr diese Unterhaltungen, bei denen kein noch so gutes Argument für voll genommen wird? Diese Unterhaltungen, in denen du redest und redest um schließlich nicht gehört zu werden? Ich möchte genau diese Gespräche noch einmal führen. Noch mehr Fakten liefern. Mehr Wissen treffend formulieren. Doch bin ich mir natürlich darüber bewusst, dass dies in den wenigsten Fällen etwas ändern würde. Letztendlich muss ich mich vielleicht damit abfinden, dass auch die relevantesten Fakten nicht ausreichen um den*die gegenüber vom Gegenteil zu überzeugen.


Wenn Fakten klein geredet und als falsch bestimmt werden, begründet mit einer angeblich zu hohen Emotionalität, was kann Frau* dann überhaupt noch tun?


Wir sind nunmal emotionale Menschen. Und so wollen wir oft das glauben, was wir für richtig halten. Das ist besonders ironisch, da uns Frauen* nicht zuletzt immer wieder vorgeworfen wird, wir seien zu emotional. Emotionalität stellt hierbei unverkennbar etwas weiblich konnotiertes dar. Es steht für Schwäche und nicht zuletzt führt es oftmals zu einer Unglaubwürdigkeit. So reichen auch die am besten recherchierten Fakten oft nicht aus um meine*n Gegenüber zu überzeugen. Wenn Fakten klein geredet und als falsch bestimmt werden, begründet mit einer angeblich zu hohen Emotionalität, die uns Tatsachen nicht richtig erkennen lassen, was kann Frau* dann überhaupt noch tun?


Schlussendlich tragen all jene die behaupten Feminismus sei unnötig zu eben jenem patriarchalen System bei, dass Frauen* unterdrückt.


Frauen* klein reden ist eine gern verwendete Strategie. Auch wenn diese nicht immer bewusst angewandt wird. Doch schlussendlich tragen all jene die behaupten Feminismus sei unnötig zu eben jenem patriarchalen System bei, das Frauen* unterdrückt. Natürlich können diese Personen auch Frauen* selbst sein. Schließlich sind wir alle ein Teil dieses Systems. Was wir jedoch daraus machen, liegt an uns und in unserer Verantwortung.

Mich machen solche „Gespräche“, ich schreibe dies in Anführungszeichen, da ein Gespräch für mich nicht einseitig ist, sondern aus mindestens zwei aktiven Teilnehmer*innen besteht, einfach nur wütend.  Jede*r geht damit anders um. Doch ich denke, dass es schon lange an der Zeit ist wütend zu werden. Nicht nur ich, sondern wir.

Wie kommt es, dass ausgerechnet die Leute am lautesten schreien, die am wenigsten Ahnung haben?

Es ist Zeit, dass sich etwas ändert. Wir sollten anfangen das uns zustehende Gehalt zu verlangen und laut und offen darüber zu reden. Wir sollten anfangen wütend zu werden, wenn uns jemand mitten im Satz unterbricht. Wir sollten an uns glauben, wenn jemand unsere Fakten für falsch erklärt. Unsere Meinung zählt. Und wenn du über ein Themengebiet sprichst, in dem du dich besonders gut auskennst, dann kannst du davon ausgehen, dass deine Fakten in den meisten Fällen stimmen. Wir sollten uns dafür einsetzen, dass uns der Raum gewährt wird, der uns zusteht - ob am Arbeitsplatz oder während Gesprächen.

Es ist Zeit, dass wir schreien. Wir sollten demonstrieren und aufhören uns für den Begriff Feminismus und dessen Bedeutung zu rechtfertigen. Wir sollten uns nicht dafür rechtfertigen müssen, was wir tragen oder nicht tragen, was wir sagen oder nicht sagen und wann wir wo sind.

Und es ist Zeit, dass wir gehört werden. Endlich.

Schreien allein wird nicht die Lösung sein. Wir leben in einer Gesellschaft, die Strukturen verinnerlicht hat und diese müssen sich ändern. Im öffentlichen sowie im privaten Raum. Vom Staat aus, vom Arbeitsplatz aus und von jedem von uns aus. Schreien allein ist vielleicht nicht die Lösung. Doch Wut, aufstehen und etwas unternehmen, kann immerhin helfen. Und das ist es wert. Wert gehört zu werden.

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Kommentare: 1
  • #1

    Selena (Donnerstag, 26 September 2019 15:54)

    Auf keinen Fall! Wut macht krank. Wut macht wütend. Wut macht agressiv. Wut macht häßlich. Ich wehre mich, wütend zu sein. Durch Wut erzeugst du noch mehr Wut. Du wirst nicht gehört, wenn du wütend bist - NIEMALS. Ich habe alle diesen Stufen in meinem Leben durch. Ich bedaure sehr die Zeiten, wo ich wütend war - so viel Lebenszeit verloren. Ich habe für mich entschieden: ich lebe glücklich. Ich mache das Beste daraus. Ich rede nicht mit dummen Menschen - ob Mann oder Frau. Ich sehe das Schöne und weigere mich, mich auf das Häßliche zu konzentrieren - viel zu lange habe ich das gemacht.
    Nein, ich werde NICHT wütend - kein Gegenüber hat das verdient.