Ich möchte gar nicht, dass du mich magst. Ich möchte, dass du mich ernst nimmst.

Titelbild: Ich möchte gar nicht, dass du mich magst. Ich möchte, dass du mich ernst nimmst. RiekesBlog

Ich habe lange an diesem Artikel gesessen. Geschrieben, gelöscht, neu angefangen. Ich habe gelernt, dass jedes falsche Wort zu Kritik führen kann. Und eben dieser Kritik versuche ich schon mein Leben lang so gut es geht aus dem Weg zu gehen. Wer möchte nicht lieber gemocht anstatt kritisiert werden. So fiel es mir also schwer die richtigen Worte für ein so wichtiges Thema zu finden, welches trotz aller Fakten und Belege doch in der Vergangenheit, Gegenwart und so auch in der Zukunft kritisiert wird. Der einfachste Weg um keine Kritik erfahren zu müssen ist somit einfach ruhig zu bleiben. Schreiben, löschen und es dann dabei belassen.

Songtext Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi – Gelernt:  Du hast gelernt zu schauen, was die ander'n brauchen Ihre Bedürnisse zu kennen, alle ihre Launen Zu bestätigen, woran sie glauben Hast gelernt zu flüstern, während and're fauchen.

Und genau da liegt der Fehler. Ich werde gerne gemocht. Schon in der Grundschule wollte ich, dass alle Lehrer*innen mich mochten. Kaum jemand strengte sich während der ersten Stunden so sehr an wie ich es tat. Schließloch sollte auch der erste Eindurck gut sein. Auch mit anderen Menschen verstehe ich mich. Und mit meiner Familie sowieso. Zumindest war das so. Damals.


Ist es wirklich erstrebenswert von allen gemocht zu werden oder viel mehr feige?


Ich habe von allein Seiten gelernt, dass ich gemocht werde, würde ich bloß immer lächeln, zuhören und artig sein. Ein nettes Mädchen von Nebenan wurde zu dem Kompliment. Sicherlich ist mir bewusst, dass nicht jede*r so sein möchte, ich jedoch wollte das sehr.

Irgendwann brachen Freundschaften ein, ich verstand mich mit Teilen meiner Familie viel weniger bis es so weit ging, dass ich den Kontakt abbrechen musste. Lange habe ich gegrübelt woran es bloß lag, dass ich mich früher mit genau den Menschen verstand, die ich jetzt so gut es geht meide.

Erst viel später wurde mir klar, dass nicht sie sich geändert haben, sondern ich mich. Der Tag an dem ich von mir nahestehenden Personen nicht mehr ernst genommen wurde, war der Tag an dem ich aufhörte Fleisch zu essen. Der Tag an dem ich von mir nahestehenden Personen nicht mehr gehört werden wollte, war der Tag an dem ich Geflüchtete in Schutz nahm. Der Tag an dem mich mir nahestehenden Personen nicht mehr ausreden ließen, war der Tag an dem ich mich für Gleichberechtigung aller aussprach. Es war der Tag an dem ich all ihnen widersprach. Der Tag an dem ich anfing die Welt mit anderen Augen zu sehen war der Tag an dem ich begann sie zu öffnen.

Songtext Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi – Gelernt: Du machst dir Vorwürfe, warum du nicht glücklich bist Und glaubst noch immer, die Gesellschaft unterdrückt dich nicht.

When we speak we are afraid our words will not be heard or welcomed. But when we are silent, we are still afraid. So it is better to speak.

- Audre Lorde


Manchmal wünschte ich mir, ich hätte bestimmte Strukturen schon in der Schule verstanden. Ich wünschte ich hätte gesehen, dass nicht ich als einzelne Person bewertet wurde, sondern vielmehr Eigenschaften für die ich nichts konnte.

Wenn ich eines gelernt habe, dann dass es ein Privileg ist Diskriminierung nicht zu sehen. Es ist ein Privileg politisch nicht interessiert zu sein, denn das bedeutet selbst - zumindest auf den ersten Blick - nicht betroffen zu sein. Es ist ein Privileg von anderen durch bloße Nettigkeit gemocht zu werden. Viele Menschen sind nett, werden aber auf Grund von Vorurteilen, Hass und Phobien ausgegrenzt.

Und ich war eine dieser Personen. Ich habe nie jemanden ausgegrenzt, doch war und bin ich noch immer privilegiert. Privilegiert Diskriminierung nicht gesehen zu haben. Politik wählte ich so schnell es ging ab. Zu langweilig. Irgendwie zu fern. Ich interessierte mich nicht für etwas, obwohl es mich selbst betraf. Auch wenn das auf den ersten Blick nicht erkennbar war. Damit tat ich vielen in der Gesellschaft einen großen Gefallen. Stell keine blöden Fragen. Bekomme keinen Ärger. Regeln gibt es nicht ohne Grund. Aber Regeln und Gesetze ändern sich. Und in der Geschichte hat keine Gruppe etwas geschenkt bekommen, sondern musste dafür kämpfen. Auch heute setzen sich überall auf der Welt noch immer Menschen für ihre Rechte ein. Rechte von denen wir viele als selbstverständlich sehen.


Es ist keine Selbstverständlichkeit Rechte zu haben. Genauso wenig ist es eine Selbstverständlichkeit, dass diese Rechte aufrecht erhalten bleiben.


>>Aber in Deutschland haben wir es doch gut! Was willst du denn noch?<<

Zunächst ein mal: Wer ist dieses wir? Meinst du damit nicht viel mehr dich als Einzelne*n. Und aus welcher Sicht sprichst du? Bist du weiß? In welcher Klasse bist du aufgewachsen - Obere Mittelklasse? Bist du mit einem Dach über dem Kopf aufgewachsen? Bist du männlich? Bist du heterosexuell? Fühlst du dich in deinem Körper wohl? All diese Fragen und viele weitere kann jede*r für sich beantworten. Und all diese Fragen spielen mit ein, wenn es darum geht, wer welchem Ausmaß an Diskriminierung begegnet. Sagen wir also du bist wirklich noch nie diskriminiert worden, was gibt dir das Recht für andere zu sprechen? Was gibt dir das Recht anderen ihre Erfahrungen abzusprechen und als falsch zu erklären?

Songtext Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi – Gelernt: Sie füttern dich mit einem Bild von der Welt Bis du es irgendwann selbst für die Wirklichkeit hältst Weil du zu feige bist, selber zu fühlen Selber zu denken und dich selber zu spüren Du suchst...

Es ist gut möglich, dass eine Person noch nie offenkundig diskriminiert worden ist. Trotzdem sprechen die Zahlen und Fakten, Erzählungen und Geschichten für sich. Es ist nun mal so, dass Frauen durchschnittlich noch immer schlechter bezahlt werden als Männer. Auch dass eine der Haupttodesursachen von Frauen Vergewaltigungen sind. Es ist nun mal so, dass Transsexuelle eine viel geringere Lebenserwartung haben, als Cisgender. Sicherlich gibt es Menschen, die nicht diskriminiert werden, aber was ist mit denen, die Diskriminierung tagtäglich erfahren. Dürfen diese Leute nicht dafür kämpfen sich für ihre Rechte einzusetzen?


Feminism is not a set of rules. It is not about taking the rights away from men, as if there are a finite amount of liberty go around.

- Laurie Penny


Also nein. Ich möchte nicht gemocht werden. Nicht wenn das heißt, dass ich nicht ich selbst sein darf. Nicht wenn das heißt, dass ich keine eigene Meinung vertreten darf. Nicht wenn das heißt, dass ich weiterhin nicht ernst genommen werde. Nicht wenn das heißt, dass ich das kleine, artige Mädchen bleiben muss, das ich mal war. Und erst Recht nicht, wenn das heißt dass andere, nicht so Privilegierte, nicht sie selbst sein dürfen. Nicht wenn ich mich nicht für diese Menschen und Themen einsetzen darf. Ich möchte nicht, dass du mich magst. Ich möchte, dass du mich ernst nimmst. Und wenn du das nicht tust, warum sollte ich dir dann Raum und Zeit in meinem Leben geben?

“I am not free while any woman is unfree, even when her shackles are very different from my own.” - Audre Lorde

Songtext Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi – Gelernt:  Und was du brauchst, wird dir niemand geben Wer du bist, kann dir nie jemand nehmen Und was du suchst, wird dir nie jemand zeigen Und was du glaubst, wird dir niemand beweisen...

*Die Zitate entstammen, dem Lied "Gelernt" von Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi

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Kommentare: 2
  • #1

    Eva (Freitag, 28 Juni 2019 21:26)

    Echt gut geschrieben !
    Ich finde wir haben es teilweise wirklich gut hier in Deutschland . Bzw sagen wir so : wir haben es besser als in manch anderen Länder ! Aber dennoch gehört -meiner Meinung nach- diskriminierung immer noch zu ein fast alltägliches Problem ! Deswegen sollte man jederzeit sein Mund auf machen und hinter seiner Meinung oder auch sein Recht stehen!

  • #2

    RiekesBlog (Dienstag, 02 Juli 2019 18:41)

    Danke für dein liebes Kommentar! =)