Mit Timur Vermes im Gespräch über Hungrige, Satte und wann Satire nicht mehr angebracht ist

Titelbild: Mit Timur Vermes im Gespräch über Hungrige, Satte und wann Satire nicht mehr angebracht ist RiekesBlog.com

>>Wo die Ursache des Problems liegt? Die einen hungrig, die anderen satt. Komplizierter wird’s nicht.<<

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hatte ich die Gelegenheit mich mit dem Bestseller-Autor Timur Vermes zu unterhalten. Bekannt ist er bereits durch seinen 2012 erschienenen Roman „Er ist wieder da“ und dessen gleichnamiger Verfilmung. In diesem Roman ersteht Hitler wieder auf. Die Reaktion der Menschen ist dabei Kernthema und erschreckend aber gleichzeitig doch nicht unerwartet. Schon damals fing Vermes die Leute mit Humor ein, brachte Menschen zum lachen, schockierte und regte nicht zuletzt zum nachdenken an.

Nun ist sein zweiter Roman „Die Hungrigen und die Satten“ erschienen. Auch diese Satire ist wieder höchst aktuell, politisch und nicht weniger schockierend.

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Wie lange dauert es in einer Welt in der die Grenzen zu sind und Geflüchtete nicht mehr nach Europa können, bis sich diese zu Fuß losmachen? Und was passiert wenn 150.000 Geflüchtete nicht nur auf dem Weg nach Europa, sondern direkt nach Deutschland sind?

Timur Vermes spielt durch was passieren würde, wenn Grenzen geschlossen und Menschen ausgeschlossen werden. Und das so realistisch wie möglich. Gibt es ein Problem wird eine Lösung gefunden. Doch was, wenn es zu spät für eine Lösung ist? Denn das ganze Buch setzt an einem Punkt an, an dem genau dies der Fall ist. Wie Vermes selbst sagt: >>Das ganze Buch setzt in einem Moment ein, indem es eigentlich zu spät ist. Ob die Grenzen auf oder zu sind: Beides ist am Ende nicht mehr gut. Sind die Grenzen auf, wird das Land nach rechts kippen. Sind die Grenzen zu, sind wir die, die rechte Politik machen. Man hätte früher etwas tun müssen. Was wir bräuchten ist Zeit. Doch Zeit kann man nicht kaufen.<< Dass es wirklich so aussichtslos ist, wie es sich zunächst anhört, denkt Vermes schließlich jedoch nicht. Zwar hoffen die Rechten, dass es das sei, dass man diese Situation nur noch mit Gewalt lösen könne, doch so ist es nicht. Auch, wenn diese Unsicherheit, die existiert, weil es keine Lösung gibt, der Nährboden der AfD sei.

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Nach einer realistischen Lösung, die alle zufrieden stellt, sucht der Autor noch immer vergeblich. Mit seinem Roman hat er jedoch bewiesen, dass die Grenzen zu schließen, und mögen es noch so viele wollen, keine Lösung ist. Und genau das wollte er erreichen: Zeigen, dass die Leute, die Grenzen wollen, auch die Konsequenzen kennen. Denn die Flüchtlingsthematik ärgerte ihn. >>2015, nachdem dann irgendwie plötzlich die großen Zahlen kamen, wurde auf Partys plötzlich diskutiert. Und es ist nicht schlecht, dass diskutiert wurde, aber im Prinzip ging es immer nur in zwei Richtungen und keiner hörte sich mehr zu. Es ärgerte mich. Die Leute sollen lernen was es heißt einen Zaun zu bauen. Sie sollen lernen, dass es keine Lösung ist.<<

Und genau da hört für Timur Vermes die Satire auf. Anfänglich genutzt um das Thema interessanter zu gestalten, um Leute dazu zu bringen sich mit dem Thema zu beschäftigen. Satire ist dabei, wie er selbst sagt, >>eine kleine Einstiegshilfe, damit das Thema nicht so dröge und erschreckend klingt.<< Doch das funktioniert nur bis zur Hälfte des Romans. Ab dort ergäbe Satire und Humor keinen Sinn mehr, weshalb er es schrittweise herauszieht. Dieses Thema solle nicht durch Humor kaputt gemacht werden. Die Leute sollen lernen was ein Zaun heißt. Und das hat in der Realität nichts mit Humor zu tun.

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Auch gegen eine Verfilmung hätte Vermes nichts, denn so wird das Thema weiter ernsthaft besprochen, gelangt zu mehr Aufmerksamkeit und indem man akzeptiert, dass etwas statt findet kann man an Lösungen arbeiten. Aber nicht, wenn etwas nich gesehen werden will. Rechtsextremen wird der Roman nicht überzeugen, doch davon gibt es gar nicht so viele überzeugte, so Vermes. Vielmehr schreien viele mit. Und genau diese gilt es zu überzeugen, denn dort bestehe noch eine Chance Meinungen zu ändern. Und dies nicht mit Diskussionen, sondern indem man sie überzeugt. AfD Wählern und Wählerinnen soll deutlich gemacht werden, was es bedeutet die Grenzen dicht zu machen.


>>Ich will nur, dass denen klar ist, wenn du die Grenzen dicht machst, läuft das darauf hinaus, dass du bezahlst. Dann wird dieses Land ärmer. Wenn du das willst. Mach. Das ist das alte Onkel Dagobert Prinzip: Man hat Geld und möchte nichts mehr ändern, damit alles so bleibt wie es ist. Doch so funktioniert das nicht.<<


Diese Thematik durchzuspielen, habe nicht lange gedauert. So viele Möglichkeiten gäbe es schließlich nicht und so läge alles auf der Hand.

>>Dieses Thema verschwindet nicht von der Tagesordnung und zwar weil sich keiner darum kümmert und kümmern mag.<<

Lohm erzählt ihm von endlosen Sitzungen, lausig vorbereitet, ohne Ergebnis, bei denen die einen Angst haben, Informationen herauszugeben, und die anderen Angst haben, Entscheidungen zu treffen, und dazwischen die, die keine Ahnung haben und deshalb keine Angst, ihren Mund aufzumachen und sich ohne Ende dabei zuzuhören, wie sie nichts weiter erzeugen als abgrundtief dummen Lärm. (aus „Die Hungrigen und die Satten“, Seite 127)

Setzt die Politik also immer erst dann ein, wenn es schon zu spät ist? Timur Vermes zu Folge handelt es sich bei der Flüchtlingsthematik um eine nationale Aufgabe. Politik bedeute, dass wir für etwas Gewolltes bezahlen müssen. Und wenn wir das schon tuen, dann sollte diese Investition für das Richtige sein. Den Autoren würde es freuen, wenn sich mehrere halbwegs gute Politiker und Politikerinnen, womit er alle außer jene der AfD und anderen rechteten Parteien meint, zusammentun und Pläne darbieten würden. In „Die Hungrigen und die Satten“ versucht dies ein Politiker, doch zu viele wollen es nicht hören. Wie die Sache ausgeht, müsst ihr selbst lesen.

Und Timur Vermes nächstes Buch?

>>Das Politische ist Privat. Das Private ist Politisch. Es wird irgendetwas sein, dass mich und somit den Leser nicht langweilt.<<

Prsample: Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Eichborn Verlag kostenlos zur Verfügung gestellt. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle noch einmal für die Möglichkeit Timur Vermes treffen zu dürfen.

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